Hundeschule nature dogs, Geprüftes Mitglied im Internationalen Berufsverband der Hundetrainer - Larissa Häußermann, zertifizierte CumCane Trainerin, Tierpsychologin und Hundeverhaltensberaterin ATN
   
 
  Halsband oder Brustgeschirr?!
 
 

Halsband oder Brustgeschirr?!
Immer wieder stehen Hundebesitzer vor der Frage: Womit führe ich meinen Hund an der Leine? So vielfältig wie die Farben, Designs und Ausführungen der Halsbänder und Brustgeschirre sind, so vielfältig sind auch die Aussagen und Ratschläge diesbezüglich anderer Hundebesitzer und Hundetrainer:

„Brustgeschirre behindern den Hund in seinem Bewegungsablauf“, „Mit einem Brustgeschirr zieht der Hund viel stärker an der Leine“ oder „Ein Geschirr ist untauglich, denn der Hund kann bei Fehlverhalten nicht korrigiert werden“.

In einigen Hundeschulen ist das Tragen eines Brustgeschirrs nicht gewollt und sogar unerwünscht, da der immer noch praktizierte Leinenruck nicht so effektiv angewandt werden kann. Vorsicht! Wollen wir wirklich, dass der eigene Hund nur aus Schmerz oder Angst „funktioniert“? Wollen wir wirklich Verletzungen bei „unserem besten Freund“ riskieren?

1.Gesundheit
Durch das Tragen eines gut sitzenden Brustgeschirres wird der Druckpunkt auf den Brustkorb verlegt. Die komplette Halspartie des Hundes erfährt so keine negative Einwirkung. Beim Tragen eines Halsbandes kommt es zu dagegen zu folgenden körperlichen Belastungen:
Zerrungen, Quetschungen und Stauchungen der Halswirbelsäule durch Rucke an der Leine oder Reinspringen in die Leine durch den Hund selbst,
Quetschungen im Haut- und Muskelbereich, vor allem bei Zughalsbändern oder
Muskelrisse in der Halsmuskulatur: bei längerem Tragen von z. B. Stachelwürgern ist auf dem Röntgenbild ein heller Kreis um die Halswirbelsäule zu sehen, der von Vernarbungen herrührt.

Klinische Studien haben bewiesen, dass Verspannungen in der Halswirbelsäule zur gleichen Symptomatik wie beim Menschen führen: Kopfschmerzen, Schwindelgefühl, Schmerzen in der Wirbelsäule usw. Viele Hunde leiden unter diesen Symptomen und der Hundebesitzer merkt es auch meist nicht. Die Hunde leiden still vor sich hin, weil sie sich uns nicht mitteilen können.

Bei jedem Hund, insbesondere bei Hunden mit Gelenkserkrankungen, wie z. B. HD und Spondylose, oder durch Züchtung sehr langer Wirbelsäulen, wie z. B. bei Dackel und Basset, ist es von großem Vorteil, wenn die Wirbelsäule unbelastet von Druck und Ruck bleibt.

Mehr als 80 % aller Hunde leiden an schmerzhaften Rückenproblemen. Der schwedische Hundeexperte Anders Hallgren konnte eindeutig einen Zusammenhang zwischen Rückenproblemen und der Anwendung des Leinenrucks am Halsband nachweisen (Buchempfehlung: Rückenprobleme beim Hund, Animal Learn Verlag). Nach seiner Studie waren Hunde mit Schäden an der Halswirbelsäule zu 91 % dem Leinenruck ausgesetzt gewesen. Dass Rückenschmerzen auch die Ursache vieler Verhaltensprobleme, vor allem von Aggressionen sein können, liegt für Anders Hallgren auf der Hand.
Der Druck des Halsbandes beeinträchtigt nicht nur die Halswirbelsäule, sondern führt auch zu Kehlkopfentzündungen, die chronisch werden können. Ebenso können die oberen Atemwege betroffen sein.
Das Ziehen am Halsband erhöht außerdem den Augeninnendruck massiv. Dies ist besonders für Hunde von Bedeutung, die aufgrund ihrer Rasse oder Anatomie zu grünem Star neigen.
Bei Hunden mit einer vorhandenen Schilddrüsenunterfunktion sollten ebenfalls nicht dem Druck am Halsband ausgesetzt sein. Dies könnte die Schilddrüse noch weiter in ihrer Funktion beeinträchtigen.
 

2. Kommunikation
Der Hals des Hundes ist ein wichtiges soziales Organ, das in der taktilen Kommunikation eine entscheidende Rolle spielt:
- durch Kopfauflegen auf den oberen Bereich des Halses,
- in einer Unterwerfungssituation wird die untere Halspartie gezeigt,
- die Seitenpartien sind für das Pflegeverhalten von vertrauten Hunden vorbehalten.
Berührungen mit der Seitenpartie des Halses werden auch häufig von Rüden beim Umwerben einer Hündin oder als Spielaufforderung gezeigt. Durch häufigen Druck durch das Halsband können diese empfindlichen Bereiche abstumpfen, da dort ständig, meist negative Impulse gegeben werden.
Durch die Einwirkungen der Leine am Halsband und somit am Hals des Hundes können bei Hundebegegnungen Irritationen in der innerartlichen Kommunikation entstehen. Der Zug am Halsband verändert die Körpersprache des Hundes und lässt ihm wenig Freiraum diese selbstständig der Situation anzupassen, so dass dieser vom Gegenüber missverstanden werden kann.
Das Brustgeschirr verschont die für taktile Kommunikation wichtige Halsregion und lässt mehr Raum für ein differenzierteres Ausdrucksverhalten, während Hundebegegnungen an der Leine.
 

3. Sicherheit
Die Verkehrssicherheit wird ebenfalls durch das Brustgeschirr begünstigt, da man durch den Rückensteg schnell nach dem Hund gegriffen werden kann, ohne ihn zu strangulieren oder zu ängstigen.
Muss der Hund aus einer Gefahrenzone herausgezogen werden, z. B. einem Schacht oder Flussufer, ist dies am Geschirr problemlos möglich, ohne den Hund in solch einer Situation auch noch durch ein Halsband zu strangulieren.
Bei Hunden, die an der Leine impulsiv oder aggressiv reagieren, bietet das Geschirr dem Besitzer einen besseren Halt und erleichtert das Training, da der Schmerz in der Halswirbelsäule wegfällt. Die Gefahr der Fehlverknüpfung wird verringert!
Auch gibt es spezielle Geschirre, die verhindern, dass der Hund sich selbstständig aus dem Geschirr befreien kann, wenn er z. B. Angst hat.
 

4. Leinenführigkeit
Bei der Führung über ein Halsband kann sich der Hund voll in die Leine legen, um zu ziehen, weil der Mensch ihn durch das Halsband im Gleichgewicht hält, sodass er nicht nach vorne kippen kann. Wenn der Hund den Druck selber aufbaut, dann spannt er seine seitliche Nackenmuskulatur so an, dass er den Druck puffert und er dadurch keine Schmerzen hat. Lediglich die Beeinträchtigung im Bereich der Luftröhre bleibt bestehen.
Durch das Ermöglichen des „Sich-nach-vorne-legens“ verspannt sich die Nacken-, Rücken- und Oberschenkelmuskulatur beim Hund sehr stark, so dass es dort auch zu dauerhaften Verspannungen und Schmerzen kommen kann.
Eine körperliche Anspannung führt jedoch auch schnell zu einer psychischen Anspannung, und so kann es zu schnelleren und heftigeren Reaktionen auf Reizsituationen kommen.
Beim Brustgeschirr befindet sich der Haltepunkt an der Brust, so dass dem Hund zum richtigen Einstemmen nur die Hinterbeine zur Verfügung stehen. Durch den fehlenden Gegenhalt des Halsbandes kann der Hund sich nicht mehr in so extreme Schräglagen begeben, weil er sonst den Halt verlieren und nach vorne kippen würde. Durch diese veränderte Statik kommt es zu einem aufrechteren Gang, die Beine werden gleichmäßiger belastet und eine Verspannung der Muskulatur wird so verhindert.
 

5. Fehlverknüpfungen werden vermieden
Ein Hund lernt im Wesentlichen über die Verknüpfung von Reizen mit den entsprechenden Erfahrungen, ob positiver oder negativer Art.
Durch die Schmerzen, die bei Zug am Halsband entstehen können, kann es auf Seiten des Hundes zu ungewollten Fehlverknüpfungen kommen. Wenn er z. B. zu einem anderen Hund hinlaufen will, spannt sich die Leine ruckartig und bereitet ihm im Halsbereich Schmerzen. Der Hund verknüpft diesen Schmerz evtl. mit dem Anblick des anderen Hundes. Wiederholt sich diese Situation einige Male, äußert sich dies nicht selten in einer sog. Leinenaggression gegenüber Artgenossen.
Außerdem ist es ein Irrtum, dass Hunde bei größerem Druck schneller nachgeben. Auch bei ihnen wirkt simple Physik, nämlich das 3. Newton´sche Gesetz: Wirkt auf einen Körper eine Kraft, so wird eine entgegen gesetzte, gleich große Kraft entwickelt. Dies ist der sog. „Oppositionsreflex“. D.h. der Hund versucht dem Druck zu entkommen, indem er versucht nach vorne zu fliehen. Dies führt dazu, dass er noch mehr an der Leine zieht und so entsteht ein „Teufelskreis“.

6. Tipps für den Geschirrkauf
Auf dem Markt gibt es mittlerweile viele verschiedene Geschirrarten. Besonders verbreitet sind das H-Geschirr (siehe Abbildung) und das Norwegergeschirr. Bei allen Geschirren sollte auf eine gute Passform geachtet werden und das Material sollte leicht, weich und trotzdem stabil sein. Weder das Material, noch die Vernähungen bzw. Verklebungen dürfen am Körper des Hundes scheuern oder einschneiden.

Das H-Geschirr sollte möglichst 2 Schnallen am Bauchgurt besitzen, damit der Hund nicht mit der Pfote durchsteigen muss und der Rückensteg sollte festgenäht sein, um ein Rutschen des Brustgeschirrs zu vermeiden.

Das Norwegergeschirr ist meist nicht im Brustumfang verstellbar, es sollte also sorgfältig anprobiert werden. Dieses Geschirr hat den Vorteil, dass es meist einen richtigen „Haltegriff“ integriert hat, was besonders bei langhaarigen Hunden das schnelle Greifen ins Geschirr vereinfacht.

Abzuraten ist von dem sog. “Step-in-Geschirr”. Hier muss der Hund mit beiden Pfoten hineinsteigen und es wird dann im Nackenbereich geschlossen.

Beim Anpassen ist darauf zu achten, dass zwischen Achselhöhle und Bauchgurt bei kleinen Hunden drei Finger und beim großen Hunden eine Hand breit Platz bleibt. Außerdem sollte darauf geachtet werden, dass der evtl. Metallring, der sich am Brustkorb befindet, nicht auf dem Brustknochen, sondern auf der gut gepolsterten Brustmuskulatur liegt.

Manche Hunde, besonders solche, die das Tragen des Geschirres noch nicht gewohnt sind, knabbern gern an den Stoffgurten. Deshalb gilt während der Eingewöhnungszeit: das Geschirr erst unmittelbar vor dem Spaziergang anlegen und sofort nach der Heimkehr (oder evtl. schon vor dem Hineinsetzen ins Auto) ausziehen.

Vielen lieben Dank an meine liebe Trainerkollegin Christina Bradel von Canidium Hundewelt für diesen Text!

Wenn du dir nicht sicher bist, welches Brustgeschirr das Richtige ist, berate ich hierzu natürlich gerne!
 
 
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